Sensoriklabor

Dr. Feinsinn oder wie ich lernte Obst und Gemüse zu lieben!

Ein gemeinsames Projekt von Gutessen Consulting, FiBL Österreich und Agricultura GmbH.
Projektzeitraum: 25.5.2010-30.4.2011
Projektdurchführung mit Kofinanzierung durch EU, Bund und Länder

Schon in der Kindheit wird weitgehend festgelegt, wie sich ein Mensch sein Leben lang ernährt und was Essen für ihn bedeutet. Solange die Kinder noch klein und zuhause sind, bestimmen die Eltern, was ihre Kinder essen. Die Volksschule ist als Arbeits- und Lebensraum von Kindern und LehrerInnen auch ein geeigneter Lernort für das Erleben, Wahrnehmen und Gestalten von Ernährung.

Schmecken mit allen Sinnen
Schulfruchtprogramme werden dann gut angenommen und führen langfristig zu Konsumveränderungen, wenn sie von altersgerechten pädagogischen und kommunikativen Maßnahmen begleitet werden. Aus den bisherigen Erfahrungen mit Obst- und Gemüseangeboten für SchülerInnen zeigt sich, dass Kinder besonderen Wert auf Frische, Reife, Geschmack und auch auf Abwechslung im Sortiment legen.
Kinder erfahren ihre Umwelt über die Sinne – das Sehen, Hören, Fühlen, Riechen und Schmecken. Sie besitzen eine ausgeprägte Polysensualität und nehmen mit allen Sinnen wahr. Je mehr Wahrnehmungskanäle angesprochen und genutzt werden, desto besser stehen die individuellen Chancen, dass auch unbekannte oder wenig beliebte Speisen für Kinder attraktiv werden - z. B. durch Riechen und Schmecken (den Duft von Gemüsesorten wahrnehmen, Früchte mit geschlossenen Augen am Geschmack erkennen), Sehen (die Vielfalt an Farben, Formen), Fühlen mit den Händen und dem Mund (knackig, knusprig, cremig). Alle Sinnesorgane benötigen regelmäßig Anregungen zur Weiterentwicklung.

Projektziele
Ergebnisse
Nur 16 % der österreichischen Schülerinnen und Schüler essen täglich mehr als eine Portion Obst, bei Gemüse sind es gar nur 8 %. Höchste Zeit also, dass „Dr. Feinsinn“ mit seinem mobilen Sensoriklabor Wiens Volksschülerinnen und Volksschüler auf den Geschmack von Bioobst und Biogemüse bringt.
Die Projektinitiatoren FiBL Österreich, FREILAND-Verband und gutessen consulting förderten bereits mit ihrem ersten Pilotprojekt an einer Wiener Volksschule gemeinsam mit 80 Schülerinnen und Schülern spannende Ergebnisse aus den Obst- und Gemüsekörben:
Der Apfel ist das unbestrittene Nummer-1-Obst unter den Volksschülerinnen und Volksschülern, wobei ihn 26 % am liebsten süß genießen, aber immerhin 15 % sehr gerne in einen sauren Apfel beißen. Ebenfalls beliebt und bekannt: Bananen und Weintrauben – letztere wurden nur von 3 % der Kinder noch nie gekostet. Die „Zwetschke“ kann von diesen Bekanntheitswerten nur träumen: 17 % konnten das typisch österreichische Kernobst nicht benennen und 6 % haben es noch nie probiert.
Beim Gemüse ist eindeutig die Tomate am bekanntesten, 10 % mögen sie allerdings nicht.
Einer dringenden Imagekorrektur bedarf es beim Kohlrabi: 65 % können ihn nicht benennen, 1/3 hat ihn noch nie probiert – und als der „Stinker“ unter den Gemüsearten wird er generell abgelehnt.

Geschmacksvielfalt kennenlernen
„Gerade in der Volksschulzeit entwickeln Kinder wesentliche Geschmacksvorlieben und Ernährungsgewohnheiten, die sie dann später in ihrem Erwachsenenleben begleiten. Aus diesem Grund ist es besonders wichtig, Kindern die Möglichkeit zu geben, die Geschmacksvielfalt von Obst und Gemüse kennenzulernen und diese auch ganz bewusst zu erleben. Als junger Mensch kann man seine Sinne schulen und schärfen – und wer bewusst genießt, kann seine Ernährungsgewohnheiten dauerhaft positiv verändern“ – so Ernährungswissenschafterin Rosemarie Zehetgruber, die gemeinsam mit ihrer Kollegin Karin Kaiblinger von „gutessen consulting“ mittels ausführlicher Einzelinterviews bei 80 Volksschülerinnen und Volksschülern in der Volksschule Kindermanngasse (Wien, Hernals) die Akzeptanz und Präferenzen bei Bioobst und Biogemüse erforschten.
„Dabei konnten die Kinder aus einem Korb ihr Lieblingsobst und -gemüse wählen, aber auch bestimmen, was ihnen ganz und gar nicht schmeckt. Dann galt es mittels Verkostungen und Einzelinterviews herauszufinden, welches Obst und Gemüse die Kinder kennen und auch benennen können, was ihnen daran schmeckt und was nicht – und welche Assoziationen sie hierbei haben“, erläutert Zehetgruber die Vorgangsweise. Selbstverständlich konnten die renommierten Ernährungsexpertinnen hierbei noch Einiges lernen: Denn wer weiß schon, dass Bananen die besten Zahnlückenfüller sind und sich die Schalen zum Schuhputzen eignen, Karotten „rau“ schmecken – und man gegen alles „Rote“ allergisch sein kann.

Mit mobilem Sensoriklabor Obst und Gemüse mit allen Sinnen erleben
Dank des Projektes „Dr. Feinsinn – oder wie ich lernte Obst und Gemüse zu lieben“ steht nun erstmals österreichweit auch ein mobiles Sensoriklabor für Volksschulen zur Verfügung. Dieses wurde von den Ernährungsexpertinnen Zehetgruber und Kaiblinger methodisch als Stationslauf mit den Stationen „Spürnase“, „Besserschmecker“, „Schau genau“, „Lauschangriff“ und „Fruchtkiste“ (Tastsinn) konzipiert. Das abwechslungsreiche, spielerische Programm kann in einer Schulstunde durchgeführt werden und eignet sich für alle Schulstufen der Volksschule.
Insbesondere den Lehrerinnen und Lehrern räumen die beiden Ernährungsexpertinnen eine wichtige Vorbildfunktion in punkto gesunde, ausgewogene Ernährung ein – und wünschen sich generell mehr biologisches Obst und Gemüse am Schulbuffet. Die wichtigste Rolle kommt freilich den Eltern zu – diesen seien ein paar Tricks empfohlen: Kinder wie Erwachsene können einen neuen Geschmack erst nach 7mal probieren richtig in ihre Geschmackswelt einordnen und als Essgewohnheit übernehmen. Gemeinsames Kochen mit den Kindern ist ein ideales Rezept, denn wer verschmäht schon die eigene Gemüsesuppe. Einen Bissen Obst mit einem Schokoriegel zu belohnen, halten die Expertinnen für nicht ratsam.
Zufrieden mit den ersten Auftritten von „Dr. Feinsinn“ in Volksschulen zeigt sich auch Projektinitiator Reinhard Geßl vom Forschungsinstitut für Biologischen Landbau (FiBL) und FREILAND-Verband: „Mit der Erfindung von Dr. Feinsinn ist uns ein großer Wurf gelungen. Mit dem mobilen Sensorik-Labor ist es möglich, direkt in Volksschulen Obst und Gemüse mit allen Sinnen ganz neu zu entdecken und lieben zu lernen. Eine Liebe der Kinder zu Bioobst und -gemüse ist ein Gebot der Stunde – aus ökologischen und geschmacklichen Gründen. Denn auch beim Essen gilt: Was Hänschen nicht lernt, lernt Hans nimmermehr“.